Kursus der medizinischen Terminologie - Kurs A (WS 96/97)
Holger Diegel, Elisabeth Dernbach
Medikamente sind von der sprachlichen Seite betrachtet
durchaus interessant, vor allem, weil hier laufend die
Notwenigkeit besteht, neue Namen für Wirkstoffe oder Präparate
zu finden. Dabei müssen die Firmen sich allein schon aus
marketingtechnischen Gründen klangvollere Namen ausdenken, als z.B.
Biologen bei einem neuentdeckten Virus. Medikament T 12 klingt
eben nicht sonderlich vielversprechend.
Außerdem werden Medikamente in verschiedene Gruppen eingeteilt -
zumeist nach der Indikation -, und es ist vielleicht ganz gut,
die Namen dieser Gruppen schon einmal gehört zu haben.
Sehr nützlich bei der Erarbeitung des Referats -und ganz sicher auch im beruflichen Leben- war die Rote Liste. Das ist ein vom Bundesverband der pharmazeutischen Industrie herausgegebenes Verzeichnis der Fertigarzneimittel. Es ist nicht unbedingt eine Liste, viel mehr ein rot eingebundener zwei-Kilo-Wälzer. Die Medikamente sind darin nach Indikationsgruppen (sehr grob - Dermatika, Laxantia...), nach Name, Hersteller und nach Wirkstoff gegliedert.
Der Arzt soll sich damit einen Überblick verschaffen können, was überhaupt auf dem Markt ist. In der Liste ist dann eine Vielzahl von wichtigen Informationen aufgeführt, z.B. Inhaltsstoffe, Dareichungsform, Dosierung, Neben- und Wechselwirkungen und (wichtig!) der Preis.
Bei Medikamenten muß man bei der Namensgebung doppelt
aufpassen. Denn nicht nur der Name des eigentlichen
Fertigarzneimittels (der dann auf der Packung steht), sondern
auch der Name des Wirkstoffs kann ein Kunstwort sein. Wie schnell
hier etwas durcheinander gehen kann, soll das folgende Beispiel
zeigen:
Acetylsalicylsäure ist ein Schmerzmittel - unser aller Aspirin.
Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure wird jedoch auch von anderen
Herstellern in ihren Tabletten verwandt, zumindest seitdem Bayers
Exklusivrechte verjährt sind.
So gibt es also mittlerweile:
Acesal, Acetylin, Alka-Seltzer, ASS-ratiopharm, Colfarit,
Bonakiddi (Zäpfchen für Kleinkinder), Colfarit, Contradol,
Micristin, Santasal, Termagin ASS und bestimmt noch eine ganze
Reihe weiterer Medikamente.
Aspirin ist nun aber das mit Abstand bekannteste Medikament mit
dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure, auch wenn im Zuge der
Gesundheitsreform die günstigeren immer öfter bevorzugt werden.
Zu einer ASS-ratiopharm wird jedoch genauso Aspirin gesagt, wie
zu einem Aldi-Papiertaschentuch "Tempo".
Die hier gewählten Beispiele sind Hauptgruppen aus der Roten Liste 1994. Eine Systematik in der Nomenklatur haben wir nicht gefunden. Der Anteil deutscher Bezeichnungen ist überraschend hoch.
Bezeichnung Herleitung Abmagerungsmittel Beispiel für eine deutsche Übersetzung Antiallergika gegen Allergien Antianämika gegen Blutarmut der Worstamm -ämie bedeutet Blut Antidote Gegengifte, eigentlich Gegengabe von dare - geben Antimyoktika gegen Pilze myxa - Pilze (gr) Antiparasitäre Mittel gegen Parasiten para - dabei / situs - gelegen 13 weitere Anti-xxxx Dermatika Medikamente gegen Hautkrankheiten derma - Haut (gr) Diagnostika dia - hindurch (gr) / gnosecere - erkennen Fibrinolytika gegen Blutgerinnung / Thrombose fibra - Faser Hypnotika/Sedativa Beruhigungsmittel sedere - beschwichtigen, stillen Kardiaka einige Herzmittel kardia - Herz (gr) Laxantia Abführmittel laxare - erweitern, öffnen; etwas schlaff machen, lockern, lösen; jmd. erleichtern; jmd. befreien Lipidsenker Fett Roborantia Stärkungsmittel (Doppelherz...) robore - stärken, kräftigen, härten Vitamine vita - Leben Zytostatika u. kytos - Zelle (gr) Metastasenhemmer stare -stehenbleiben, stocken: die Zellen konstant halten
Die Namensgebung von Medikamenten erfolgt ebenfalls völlig ungeregelt, aber dennoch kann man die meisten Arzneimittel auch beim ersten hören als Medikament erkennen - und nicht etwa als Krankheit oder anatomischer Terminus. Dies liegt vor allem an den gängigen Endsilben wie -in / -on / -an / -ol / -al. Auch bei den Endsilben konnten wir kein System erkennen, obwohl es Anzeichen dafür gibt, z.B. enden alle -Blocker auf -ol.
Bei der Namensfindung haben die Pharmafirmen fünf Methoden:
An den Namen des Medikaments werden häufig Attribute angehängt, die auf Konzentration oder Wirkungsweise hinweisen. Mega, forte und fortissimum weisen auf ein stärkere Konzentration als beim Standardpräparat hin; mite und minor stehen für schwächere Konzentrationen. Retard und depot ist die Bezeichnung für Medikamente mit Langzeitwirkung, akut steht für die schnelle Wirkungsweise.
Es ist kein Wunder, daß die eigenwillige Namensgebung bei Medikamenten viele Patienten überfordert. Apotheker sehen sich dann häufig mit folgendem Problem konfrontiert: "Können Sie mir nicht die Tabletten geben, die der Manfred Krug gestern in der Werbepause der Lindenstraße empfohlen hat?"
Oder es kommen Namensverdreher zustande: "Ich hätte gern, ei wie heißt das noch mal, Genosil, nee, das war was mit "a", das weiß ich genau, Ganoirgenwas, nein, nein Gastro...moment, gleich hab ichs..."
Ganz interessant ist es zu sehen, wie viele Apotheken ihre EDV aufrüsten, um solche Nachfragen in den Griff zu bekommen: Mittlerweile sind in Datenbanken nicht nur die Namen und Wirkstoffe gespeichert, sondern auch, wann und in welchem Sender dafür geworben wurde. Genauso ist auch eine phonetische Suche möglich, bei der der Computer alle ähnlich klingenden Medikamente auflistet.
Vor allem ältere Menschen müssen teilweise eine ganze Reihe
von Medikamenten einnehmen, und können oder wollen sich nicht
alle Namen merken. Das bekommen die Ärzte zu spüren, z.B. bei
einer stationären Aufnahme oder auch bei einer einfachen
Untersuchung. Ärzte müssen in solchen Fällen ein beinahe
kriminalistisches Talent an den Tag legen, um etwa einem 80-Jährigen
zu entlocken, welche Tabletten er einnimt. Für ihn sind es halt
seine "Trobbe".
Gut erzogene Patienten haben jedoch immer eine aktuelle Liste
ihrer eingenommenen Medikamente parat.
Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Alle Beipackzettel, die uns in der letzten Zeit begegnet sind, waren zumindest lesbar. Vor allem aber an der Sprache wurde gearbeitet. Besonders vorbildliche Packungsbeilagen waren zweigeteilt: In einen groß gedruckten, in einfacher Sprache gehaltenen Teil, und in einen Abschnitt, der alle anderen notwendigen Fakten in Fachsprache auflistet. Ein Zettel schlüsselte sogar in Prozenten auf, was bei Nebenwirkungen nun eigentlich häufig, selten oder in Einzelfällen heißt.
Sinnvoll ist sicherlich auch ein Frage-Antwort-Teil, in dem die Probleme ähnlich wie in einem Gespräch erklärt werden. Diese Form ist einfacher zu lesen und zu verstehen, und wirkt weniger bevormundend.
Zielgruppe Patient
Keiner kommt daran vorbei, aber richtig bemerkenswert oder außergewöhnlich ist keine der Anzeigen oder Spots. Entweder verkaufen sich die angeblichen Wundermittel von selbst, oder die Konzerne es nicht nötig - Waschpulver zu verkaufen scheint schwieriger zu sein. In Erinnerung bleiben nur solch dämliche Stabreime wie "Renni räumt den Magen auf" oder "Spalt: schaltet den Schmerz ab - schnell". Vermutlich sind jüngere Leute aber auch ganz einfach nicht Zielgruppe.
Bestätigt wird dies durch folgende Statistik.
Zeitschrift Seiten Arzneimittel Alkohol Tabak Rolling Stone 106 0 2 5 Cinema 162 0 6 10 Focus 374 2 5 4 Spiegel 282 6 6 4 Bild der Frau 59 20 0 0 Neue Revue 78 5 1 0 Das Goldene 70 17 0 0 Blatt
Wie man ganz deutlich sieht, überwiegt in den Zeitschriften für das jüngere Publikum ganz klar die Genußmittelwerbung, in Magazinen mit gemischtem Publikum hält es sich die Waage, Zeitschriften für ein älteres Publikum sind gefüllt mit Arzneimittelwerbung. Umgangsprachlich formuliert läßt sich die Behauptung aufstellen, daß man in seiner Jugend für teures Geld kaputtgemacht wird, um dann im Alter für noch mehr Geld einigermaßen funktionstüchtig gehalten zu werden.
Hinterhältig sind ganz besonders die Ganzseitenreklamen, die
bevorzugt in der Yellow-Press geschaltet werden und dabei im
Layout an das Heft angepaßt werden. Durch das Vortäuschen eines
redaktionellen Artikels und dem Zitieren angeblich bekannter Ärzte
soll davon abgelenkt werde, daß es sich um Werbung handelt, und
Seriosität vorgetäuscht werden - ältere Menschen fallen
reihenweise darauf herein.
Zielgruppe Ärzte und Apotheker
Es gibt zwei - eigentlich drei - Gruppen von Arzneimittelwerbung. Entweder wird versucht, durch wissenschaftliche Tatsachen zu überzeugen, oder die Werbung ist, ähnlich der Alltagswerbung, witzig, grellbunt, schockierend, oder sie schlachtet ein Klischee aus. Teilweise gibt es sogar richtige Maskottchen, wie etwa den Lopirin-Elefanten.
Eine - wenn nicht gar die wichtigste - Form von Arzneimittelwerbung sind jedoch die Kulis, Radiergummis, Brieföffner, Lämpchen, Uhren, Tachenrechner, Bücher und viele andere Dinge mehr, die mit dem Logo eines Medikaments oder Herstellers geschmückt sind, und von schusseligen Pharmareferenten immer wieder in Arztpraxen und Krankenhäusern vergessen werden.