Biologiepraktikum, Kurs B
Holger Diegel, Platz 18
23.01.1997
Chordata ist die Bezeichnung für die am höchsten entwickelte Gruppe von Lebewesen. Das gemeinsame Merkmal aller Vertreter ist die Chorda, die die Funktion eines axialen Stützskellets (von cranial nach caudal) hat. Der weitere Aufbau der Chordaten ist sehr verschieden, deswegen wird folgende Einteilung vorgenommen:
1) Urchordaten (Tunikaten - Manteltiere)
2) Cephalochordaten (Acrania - Schädellose)
3) Vertebraten
Anamnia
Cyclostomata (Rundmäuler)
Chondrichthyes (Knorpelfische)
Osteoichthyes (Knochenfische)
Amnia
Amphibien
Reptilien
Aves (Vögel)
Mammalia (Säugetiere)
Als Beispiel für einen sehr einfach organisierten Urchordaten wurde im Praktikum die Seescheide Ascidia besprochen:
Seescheiden sind Meereslebewesen, die Nahrungspartikel aus dem
Wasser filtern. Ihr Filtersystem, der sogenannte Kiemendarm,
sitzt unmittelbar hinter der Mundöffnung am Darmanfang und macht
beinahe 50% des Körpervolumens aus. Das Wasser wird durch Ausströmöffnungen
wieder aus dem Körper gebracht, wobei es die Kiemenöffnungen
passieren muß, die Ascidia zur Atmung nutzt.
Im Peribranchialraum, dem hinteren Teil des Darms, findet schließlich
die Verdauung der ausgefilterten Nahrungspartikel statt.
Unverdauliche Reste werden durch eine gesonderte Ausströmöffnung
abgegeben, und nicht mehr wie bei den untersuchten Metazoen durch
die Mundöffnung. Dies ist ein Hinweis auf die Höherentwicklung
von Chordaten, entscheidend ist aber vor allem die Ausbildung
eines primitiven Blutgefäßsystems mit Herz.
Ascidia ist ein Zwitter, es sind sowohl Ovar als auch Hoden
angelegt. Dennoch pflanzt sich die Seescheide auch asexuell durch
Knospung fort.
Die erwachsenen Tiere sind auf dem Boden festgewachsen, die
Larven hingegen sind frei beweglich. Bei ihnen ist auch die
Chorda zu erkennen. Dorsal der Chorda befindet sich das
Neuralrohr, ventral der Darm.
Die Moleküle, die während der Keimesentwicklung die Anordnung
und Lage der Organe steuern, wurden im Verlauf der Evolution
"konserviert" - sie sind z.B. bei Insekten und
Vertebraten identisch. Allerdings liegt bei Insekten das
Neuralrohr ventral, und der Darm dorsal - trotz gleicher
Steuerungsmoleküle.
Das Larvenstadium von Ascidia ist besonders interessant, da
man davon ausgeht, daß es im Laufe der Evolution zur Neotenie,
also einer vorzeitigen Geschlechtsreife gekommen ist, und sich
die adulten Tiere nicht mehr festsetzten. Die so entstandene Art
wird als Vorläufer der Vertebraten betrachtet.
Mikroskopisch untersucht wurde im Praktikum das
Lanzettfischchen Amphioxus lanceolatum, das der Gruppe der
Acranier angehört. Der prinzipielle Aufbau dieser Spezies zeigt
Ähnlichkeiten mit dem Larvenstadium der Seescheide. Innerhalb
der Chordatengruppe ist das Lanzettfischchen ein recht primitiv
organisiertes Tier, das sogar als "missing link" in der
Evolution der Vertebraten angesehen wird.
Der Lebensraum der ca. 4 cm langen Lanzettfischchen sind Küstengewässer,
wo die Tiere mit der Mundöffnung nach oben im Sand eingegraben
liegen, und Nahrung einstrudeln. Sie können sich aber auch mit
schlängelnden Seitwärtsbewegungen fortbewegen.
Untersucht wurden zwei Dauerpräparate, ein Längs- und ein
Querschnitt. Die Präparate waren gefärbt, so daß Kiemenapparat
und Darmtrakt dunkelrot erschienen, Neuralrohr sowie Chorda
dorsalis orange, und das Bindegewebe blau.
Die Übersichtsskizzen wurden bei 400-facher Vergrößerung
angefertigt, die Detailzeichnung von Haut und Neuralrohr bei 1000-facher
Vergrößerung.
Längsschnitt
Die Chorda dorsalis verläuft vom cranialen bis zum caudalen
Ende durch den gesamten Körper des Tieres. Dorsal der Chorda
liegt das Neuralrohr; an dessen Unterseite, also zur Chorda hin,
liegen die als kurze schwarze Striche erkennbaren
Pigmentbecherozellen.
Ventral der Chorda verläuft der Darm. An der Mundöffnung im
cranialen Teil sitzen die Cirren, die die Nahrung einstrudeln.
Auch erkennbar waren die weiteren Abschnitte des Darmes:
Kiemendarm, Mitteldarm mit der teilweise verdeckten Mitteldarmdrüse
(Leber), und der Enddarm, der schließlich im After endet.
Noch weiter ventral waren sehr deutlich die großen Gonaden zu
erkennen. Der gesamte dorsale Körperbereich der Lanzettfischchen
ist von einem Flossensaum begrenzt.
Querschnitt
Der Querschnitt durch die Kiemenregion zeigte nicht viel neues;
die im Längsschnitt sichtbaren Organe waren auch hier zu
erkennen. Allerdings war die 2. Leibeshöhle, das Coelom, als
"leerer" Raum um die Verdauungsorgane gut zu sehen.
Die Muskulatur des Lanzettfischchens, das Myomer, lag in von
Bindegewebe umgebenen Segmenten an der Außenseite des Tieres (Metamerie).
Das Myomer war auf der dorsalen Seite wesentlich stärker ausgeprägt
als ventral.
Auch im Querschnitt war das Geschlecht des Tieres anhand der Form
der Gonaden nicht zu bestimmen.
Haut
Die Außenhaut des Tieres war als einschichtiges Epithel zu
erkennen. Die Epithelzellen waren zylinderförmig und von einem
kurzen Stäbchensaum (Cuticula) bedeckt. Die Basallamina erschien
als dunkle dünne Schicht, die auf dem helleren Dermisgewebe
aufsaß. Das Myomer hatte nicht an allen Stellen Kontakt mit dem
Dermisgewebe.
Neuralrohr
Das Neuralrohr ist von Bindegewebe umgeben und hat im
Querschnitt eine ovale Form. Strukturen oder einzelne Zellen
waren nur schwer zu erkennen, deutlich waren nur einige größere
Nervenfasern, die sich zum Rand hin aufspalteten, sowie die
Pigmentbecherozellen und Zellkerne von Ependymzellen.
Gut zu sehen war der freie oder vermutlich flüssigkeitsgefülllte
Raum im Zentrum des Neuralrohrs - der Zentralkanal. Von diesem
Kanal verlief nach dorsal ein Spalt, die sogenannte Raphe.
Hypobronchialrinne
Die Hypobronchialrinne war im Querschnitt nicht zu erkennen,
wahrscheinlich verlief sie nicht auf der Höhe des Schnittes.
Lanzettfischchen strudeln sich mit ihren Cirren nährstoffreiches
Wasser in den Mundraum. Dem Mundraum schließt sich der
Kiemendarm an, der durch die Kiemenspalten eine Filterfunktion
hat. Die abgefilterte Nahrung gelangt in den Peribranchealraum
und durchläuft die weiteren Abschnitte des Darms, das Wasser
wird über eine Öffnung am Bauch des Tieres ausgeschieden.
Zwischen den Kiemenspalten befinden sich Kiemenbögen, eine dünne
Gewebsschicht mit vielen Blutkapillaren, mit denen dem Wasser der
Sauerstoff entzogen wird (Urlunge), ein Großteil der Atmung
erfolgt jedoch über die Haut.
Der Blutkreislauf von Amphioxus lanceolatum ist geschlossen, das
Blut wird in jeder Arterie durch Kiemenherzen (Bulbilli)
weitergepumpt, genauer gesagt kommt es zur Kontraktion einzelner
Gefäßabschnitte; es existiert kein zentrales Herz.
Das Herz eines Menschen mit seinem Vorhofsystem und den
voneinander getrennten Kammern ist wesentlich komplexer
organisiert und durch den getrennten Lungenkreislauf effizienter
als die Bulbilli von Amphioxus lanceolatum. In der Gruppe der
Chordaten finden sich aber eine Vielzahl von Übergangsformen:
Amphibien besitzen schon ein Herz mit Ventrikel und Atrium und
Reptilien haben ein Vorhofseptum ausgebildet.
Das Hirnbläschen, das praktisch eine Verdickung des
Neuralrohrs ist, war in den Präparaten nicht zu erkennen, stellt
aber das Gehirn der Tiere dar. Zentralkanal und Raphe im
Neuralrohr erklären sich aus der Embryonalentwicklung. Das
Neuralrohr entsteht aus dem Ektoderm, das sich zusammenrollt,
jedoch nicht völlig verschließt. Die Raphe ist bei höher
entwickelten Organismen nicht mehr vorhanden.
Die vom Neuralrohr ausgehenden Nervenbahnen, die Organe und
Muskulatur innervieren, waren nicht zu erkennen.
Die Fortpflanzung der Lanzettfischchen verläuft getrenntgeschlechtlich: In den Gonaden reifen die Geschlechtszellen heran, die ins Wasser abgegeben werden, wo dann Befruchtung und Entwicklung erfolgt.
Die Epidermis der Haut besteht bei höherentwickelten
Lebewesen aus einem mehrschichtigen Epithelgewebe, das die
Ausbildung von Drüsen und eine Behaarung möglich macht, und
nicht wie bei Amphioxus lanceolatum aus nur einer Zellschicht.
Dennoch entspricht der einfache Aufbau des Lanzettfischchens den
Anforderungen seines Lebensraums und seiner Körpergröße, die
Tiere benötigen keine präziseren Sinnesorgane zur Nahrungssuche
oder Fortpflanzung, und die Chorda reicht zur Stütze des kleinen
Körpers aus, ebenso wie die Bulbilli zur Blutversorgung.
Betrachtet man die Embryonalentwicklung des Menschen, kann man den gemeinsamen Ursprung der Chordaten nachvollziehen. So bildet auch der menschliche Embryo aus dem Mesenchym eine knorpelige Chorda aus, die dann aber im Laufe der Entwicklung durch die knöcherne Wirbelsäule ersetzt wird. Auch die Ausbildung des menschlichen Herzens durchläuft mehrere Stadien, in denen man die primitiveren Formen andere Chordaten wiedererkennen kann. Damit zeigen beide Spezies die für Chordaten charakteristischen Merkmale: Die Chorda als Körperstütze und einen geschlossenen Blutkreislauf.