Biologiepraktikum, Kurs B
Holger Diegel, Platz 18
Protokoll vom 19.12.1996
Der meisten Merkmale des menschlichen Phänotyps werden, wie
bei allen höheren Organismen, durch eine Kombination mehrer Gene
bestimmt, die auch über mehrere Chromosomen verteilt sein können.
Nur bei sehr wenigen Merkmalen ist lediglich ein Gen für die
Ausprägung des entsprechenden Phäns verantwortlich. Bei diesen
monogenen Erbgängen läßt sich anhand des Phänotyps auf den
Genotyp rückschließen, und es ist möglich, die
Wahrscheinlichkeiten für die verschiedenen Genotypen bei der
Vererbung zu bestimmen.
Im Praktikum wurden mehrere, relativ einfach zu bestimmende
Merkmale des eigenen Phänotyps untersucht. Soweit möglich wurde
von diesem der entsprechende Genotyp abgeleitet.
1.1 Fähigkeit, Phenylthioharnstoff zu schmecken
Diese Fähigkeit wurde bei unterschiedlich stark
konzentrierten Phenylthioharnstoff-Konzentrationen getestet; die
Lösungen wurden mit Filterpapierstückchen auf die Zunge
gebracht.
Das Allel für Schmecken (T) ist gegenüber Nichtschmecken (t)
dominant.
Ich bin Nichtschmecker, mein Genotyp ist demnach eindeutig (tt).
1.2 Blutgruppe
Blutgruppe
Der Blutgruppentest, bei dem durch eine Agglutinationsreaktion
des Blutes mit den jeweiligen Antiserum die Blutgruppe bestimmt
wird, wurde aufgrund der hohen Kosten des Antiserums nicht
durchgeführt.
Für das Gen, das die Blutgruppe festlegt, gibt es nicht nur zwei,
sondern drei verschiedene Allele. Man spricht dabei von multipler
Allelie. Mögliche Allele sind IA, IB, und I0, wobei IA und IB
gegenüber I0 dominant sind. IA und IB sind codominant.
Rhesussystem
Die Agglutinationsreaktion auf den Rhesusfaktor verlief bei
mir positiv (Rh+). Da das Allel für die Ausprägung des
Rhesusfaktors dominant ist (D), muß mein Genotyp entweder (Dd)
oder (DD) sein.
1.3 Haare auf dem mittleren Fingersegment
Dieses Merkmal wird durch multiple Allele ausgeprägt (M), die
alle gegenüber dem Allel für das komplette Fehlen der Haare (m)
dominant sind.
Bei mir sind Haare zu finden, demnach ist mein Genotyp entweder (Mm)
oder (MM).
1.4 Langer Palmar-Muskel
Die Sehne des langen Palmar-Muskels ist in meinem rechten Arm
deutlich zu sehen - links jedoch nicht. Da das Allel, das für
das ein- oder beidseitige Fehlen des Muskels verantwortlich ist (W),
dominant ist, kann mein Genotyp entweder (Ww) oder (WW) sein.
1.5 Gebogener kleiner Finger (Klinodaktylie)
Meine kleinen Finger sind nach der Definition gerade. Da sich
das Allel für gerade (p) rezessiv gegenüber gebogen (P) ist, muß
mein Genotyp (pp) sein.
1.6 Farbensehen
Rot- und Grünschwäche werden X-chromosomal rezessiv vererbt.
Die Farbtüchtigkeit ist also dominant (XD, bzw. XP).
Da bei mir anhand der Testtafeln keine Farbenschwäche
festgestellt wurde, ist mein Genotyp eindeutig (XD,P). Bei einer
Frau gäbe es hingegen die Möglichkeiten (Xd,p XD,P) und (XD,P
XD,P).
Bei der polygenen Vererbung sind mehrere Gene an der
Ausbildung des Phänotyps beteiligt, wodurch die Merkmale
unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Besonders
deutlich wird dies bei der Haarfarbe, bei der es eine Vielzahl
unterschiedlicher Schattierungen gibt.
Man kann nicht vom Phänotyp auf den Genotyp rückschließen und
dementsprechend auch keine Erbgänge nachvollziehen. (Beobachtungen
siehe Auswertungstabelle)
3.1 Monogene Erbgänge
Merkmal Phänotyp Genotyp PTH-Schmecken Nicht-Schmecker tt Rhesusfaktor Rh+ DD oder Dd Haare/Phalanx media vorhanden Mm oder MM M. palmaris longis fehlt im linken Arm Ww oder WW Klinodaktylie gerade pp Farbensehen keine Sehschwäche XD,P
3.2 Polygene Erbgänge
Merkmal Phänotyp Form des Ohrläppchens bogenförmig Daumen mit losen keine losen Ligamenten Ligamente Haarform glatthaarig Haarfarbe braunschwarz (U)
Genotypverteilung innerhalb des Kurses
Merkmal Genotyp Anzahl im Anzahl im
Vorkurs eigenem Kurs
PTH-Schmecken TT oder Tt 25 / 49 31 / 47
Rhesusfaktor DD oder Dd 47 / 49 44 / 47
Haare/Phalanx MM oder Mm 32 / 49 31 / 47
media
M. palmaris WW oder Ww 13 / 49 24 / 47
longis
Klinodaktylie PP oder Pp 24 / 49 29 / 47
Farbensehen W XD,P XD,P oder 26 / 26 20 / 20
XD,P Xd,p 23 / 23 27 / 27
M XD,P
Merkmal Genotyp Anzahl im Anzahl im in
Vorkurs eigenem Kurs Prozent
PTH-Schmecken tt 24 / 49 16 / 47 34
Rhesusfaktor dd 7 / 49 3 / 47 6,4
Haare/Phalanx mm 17 / 49 16 / 47 34
media
M. palmaris ww 36 / 49 23 / 47 48,9
longis
Klinodaktylie pp 25 / 49 18 / 47 38,3
Farbensehen W Xd,p Xd,p 0 / 26 0 / 20 0
M Xd,p 0 / 23 0 / 27 0
3.3 Ermittlung der Genfrequenz nach Hardy-Weinberg
Wenn bei monogenen Erbgängen ein rezessives Merkmal
ausgebildet ist, weiß man, daß der Genotyp homozygot sein muß.
Ist jedoch das dominante Merkmal ausgebildet, kann der Genotyp
sowohl homozygot als auch heterozygot sein. In der
Populationsgenetik kann man anhand des Gesetzes von Hardy-Weinberg
den Anteil der Individuen mit homozygot-dominantem Genotyp
bestimmen, wenn man den Prozentsatz der Individuen mit homozygot-rezessivem
Genotyp kennt.
Beispielrechnung: PTH-Schmecken
34% der Kursteilnehmer sind Nichtschmecker, tragen also homozygot (tt).
Es gilt:
Häufigkeit der T-Allele: p(T)
Häufigkeit der t-Allele: q(t)
Gesamthäufigkeit der Allele p+q=1
Hardy-Weinberg-Gleichgewicht: p2 + 2pq + q2 = 1
p2: Häufigkeit für dominantes Allel des homozygoten Genotyps
2pq: Häufigkeit des heterozygoten Genotyps
q2: Häufigkeit für rezessives Allel des homozygoten Genotyps
q2 (tt) beträgt in diesem Beispiel 0,34
q(t) = 0,58
p(T) = 1-q(t) = 1 - 0,58 = 0,42
p2 (TT) = p(T) x p(T) = 0,176
2pq(Tt) = p(T) x q(T) x 2 = 0,487
Daraus ergibt sich eine Häufigkeit der Individuen mit
homozygot dominantem Genotyp (TT = p2) von 17,6%, Heterozygote (Tt
= 2pq) machen 48,7% aus, und Individuen mit homozygot rezessivem
Genotyp wie bekannt 34%.
Genotypaufschlüsselung der weiteren Untersuchungen (eigener Kurs)
Merkmal q2 2pq p2 PTH-Schmecken tt = 34,0% Tt = 48,7% TT = 17,6% Rhesusfaktor dd = 6,4% Dd = 37,8% DD = 55,8% Haare / phalanx mm = 34,0% Mm = 48,7% MM = 17,6% media M. palmaris longus ww = 48,9% Ww = 42,0% WW = 9,0% Klinodaktylie pp = 38,3% Pp = 47,2% PP = 14,5%
3.4 Aufgabe
Die Häufigkeit der autosomal rezessiv vererbten zystischen Fibrose beträgt 0,05%. Berechnen Sie die Allelfrequenz und den Anteil der Heterozygoten!
Häufigkeit der dominanten Allele (A): p(A)
Häufigkeit der rezessiven Allele (a): q(a)
Bekannt: q2(aa) = 0,05% = 0,0005
Daraus folgt:
q(a) = 0,0224
p(A) = 1 - q(a) = 1 - 0,0224 = 0,9776
p2(AA) = 0,9776 x 0,9776 = 0,9557
2pq(Aa) = 0,0224 x 0,9776 x 2 = 0,0438
Die Häufigkeit der dominaten Allele (A) liegt bei 97,76%, die
Häufigkeit der rezessiven Allele (a) liegt bei 2,24%.
Aus dem genetischen Kombinationsquadrat ergibt sich daraus ein
Anteil der für das dominante Allel Homozygoten (AA) von 95,57% (entspricht
p2); heterozygote Merkmalsüberträger (Aa) sind 4,38% der
Population (entspricht 2pq), Homozygote mit dem rezessivem Allel
(aa) machen, wie bekannt, 0,05% aus (entspricht q2).