Praktikum der Berufsfelderkundung


Aufsuchende Drogenhilfe in Frankfurt

11.11.1996


Kursus der medizinischen Psychologie - Gruppe 2 (WS 96/97)
Holger Diegel


Nach dreizehn Monaten Zivildienst in einem Krankenhaus, in dem ich praktisch alle Stationen und Funktionsabteilungen kennengelernt hatte, versprach ich mir von dem Besuch der Beratungs- und Substitutionsstelle für Drogenabhängige einen Einblick in ein völlig anderes ärztliches Arbeitsfeld. Ein weiterer Beweggrund war wohl auch die tägliche Begegnung mit Süchtigen am Frankfurter Hauptbahnhof.

Auch am Montagmorgen meines Praktikums lagen mehrere Fixer in abgewetzte Schlafsäcke gewickelt vor den Schaufenstern der Kaiserstraße; einige gaben sich gerade im Stehen einen Schuß in die Leiste, ohne sich von den vorbeilaufenden Leuten wegzudrehen oder ihre Blöße zu verdecken.

Dieses Bild, verbunden mit dem Gestank, der von diesen Menschen ausging, steigerte nicht gerade die Vorfreude auf das Praktikum. In diesem Moment fiel es mir extrem schwer, diese Menschen als Kranke zu akzeptieren oder auch nur Mitleid für sie zu empfinden. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie wohl Untersuchungen oder Behandlungen aussehen, die engeren körperlichen Kontakt voraussetzen.

Das Drogencafe liegt in einer schäbigen Seitenstraße, die beinahe alle Klischees eines Bahnhofsviertels erfüllt. Ich sah gerade noch, wie ein "Tanzlokal" schloß und sich die Beschäftigten in Pelzmantel und Stöckelschuhen auf den Heimweg machten.
Am Café kam ich zeitgleich mit dem sehr alternativ gekleideten Zivi der Einrichtung an, der mich herzlich begrüßte und mir die anderen Mitarbeiter vorstellte. Ein Sozialarbeiter musterte mich besorgt, als er "Medizinstudent" hörte, und grinste schließlich erleichtert, als ich ihn über den Grund meiner Anwesenheit aufklärte. Etwas verwundert war ich über die hohe Zahl der Verwaltungsangestellten.

Schließlich kam ich in das Stockwerk, in dem die medizinische Versorgung vorgenommen wird. Dort wartete eine weitere Praktikantin schon auf mich, zusammen mit drei Frauen in blauen Klinikhängerchen. Die Vorstellung verlief etwas verwirrend, und ich rätselte, welche der Frauen jetzt Ärztin und welche Helferinnen waren. Aus dem Umgang der drei untereinander war es für mich nicht ersichtlich.
Gleich darauf begann auch schon die Methadonausgabe, die wir aus dem hinteren Teil eines kleinen Zimmers beobachteten. Das Zimmer wirkte etwas chaotisch, hätte aber auch in jeder anderen Arztpraxis sein können.
Zur Ausgabe kamen in rascher Folge die Patienten in das Zimmer, nahmen auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch der Ärztin Platz, und bekamen computergesteuert ihre tägliche Dosis Methadon, die sie auch gleich einnahmen.
Die Patienten wirkten durchweg recht ungezwungen, grüßten freundlich und setzten sich in einer offenen Haltung - es waren wohl alles alte Bekannte. Die meisten waren auch lediglich zur Einnahme ihrer täglichen Methadondosis gekommen, nur wenige hatten noch andere Beschwerden. Einer klagte über eine Analstenose und wurde auch gleich von der zweiten Ärztin in einem separaten Zimmer untersucht. Bei dieser Untersuchung konnten wir aus verständlichen Gründen nicht zuschauen.
Zwei andere litten unter Übelkeit und bekamen entsprechende Medikamente verordnet.

Alle Teilnehmer am Substitutionsprogramm waren gut gekleidet. Kaum einer wäre mir unter anderen Umständen sofort als Süchtiger aufgefallen.
In diesem Programm sind definitiv nicht die Süchtigen, die am Hauptbahnhof übernachten. Auch war der Altersdurchschnitt, so weit ich das beurteilen kann, höher.

In den zumeist sehr kurzen Arzt-Patienten-Gesprächen kam es mir vor, als hätten die Abhängigen ihre Sucht als Krankheit akzeptiert, gegen die sie zusammen mit dem Arzt vorgehen wollten. Besonders deutlich wurde dies bei der Frage der Dosierung des Methadons. Viele Süchtige wollten ihre Dosis selbständig senken, ohne daß die Ärztin darauf hinwirken mußte. Einige jedoch wollten eine höhere Dosis, die die Ärztin meist auch ohne Diskussion vergab. Es steht vermutlich die Einsicht dahinter, daß die Süchtigen die Bedürfnisse ihres Körpers selbst sehr gut einschätzen können.

Relativiert wurde der Eindruck von Kooperation jedoch, wenn es um Blut- bzw. Urinproben ging, die den möglichen Beikonsum von anderen Drogen und Medikamenten aufdecken sollen. Hier drucksten verdächtig viele Patienten herum, sie könnten heute nicht, und die Ärztin akzeptierte dies mit einem wissenden Nicken, das die Süchtigen vermutlich auch wahrgenommen haben.

Die insgesamt knapp 100 Substitutionspatienten kannte die Ärztin alle beim Vornamen. Es kam öfters vor, daß sie sich nach Dingen aus dem Alltag der Patienten erkundigte, wie etwa nach laufenden Sozialhilfeanträgen - und die Patienten nahmen die Gesprächsangebote auch dankbar an.
Manchmal hatte ich den Eindruck, daß viele sehr bemüht waren, den Eindruck zu erwecken, ihr soziales Leben unter Kontrolle zu haben. Sie sprachen von ihren vielen Bekannten und Freunden, und wollten zeigen, daß sie eine aktiv handelnde Rolle in ihrem Leben spielen.
Unsere Anwesenheit wurde von den meisten Patienten ganz einfach ignoriert. Einer riß einen Witz als er uns sah und war glücklich als wir zurückgrinsten. Ein anderer reagierte leicht aufbrausend. Er war nicht viel älter als wir, und seine Situation war ihm sichtbar peinlich. Er war der Patient mit der geringsten Methadondosis und versuchte mit aller Kraft vom Heroin loszukommen.

Nach der Methadonausgabe kam eine sehr unangenehme Aufgabe für die beiden Ärztinnen. Sie mußten sich darüber Gedanken machen, welche zwei Süchtigen aus einer Liste von zwölf Personen in das Susbstitutionsprogramm aufgenommen werden sollten. Die Entscheidung verschoben sie nach kurzer Diskussion - aber das Hauptauswahlkriterium war deutlich: Die Erfolgsaussichten des Patienten.

Absolute Erfolgserlebnisse scheinen aber in diesem Tätigkeitsbereich sehr rar zu sein. Gerade einmal vier ehemalige Patienten in der Geschichte der Einrichtung waren schließlich völlig drogenfrei. Die Hauptmotivation aller Beteiligten ist der Wunsch, daß sich die Lebensbedingungen für die Süchtigen nicht noch weiter verschlimmern.
Durch das Substitutionsprogramm wird die Sucht in den meisten Fällen zu einer Art chronischen Krankheit, sie führt aber nicht zwangsläufig in die Verelendung, wie man sie vor dem Hauptbahnhof beobachten kann. Der Verelendung will man auch mit dem Druckraum begegnen, der ebenfalls von den Ärztinnen betreut wird. Am Praktikumstag nutzte jedoch niemand diese Einrichtung, und auch das gemütlich eingerichtete Café war leer. Dies gab den Ärztinnen die Möglichkeit, sich von uns zu verabschieden und die umfangreiche Verwaltungsaufgaben zu erledigen, die allein durch die vielen Kontakte mit anderen sozialen Einrichtungen anfallen.


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