Einführung in die Neurosenlehre


(Allgemeine Neurosenlehre)



Kursus der medizinischen Psychologie - Gruppe 2 (WS 96/97)

Holger Diegel, Britta Herbrechtsmeier, Agi Oszvald




Allgemeine Neurosenlehre

Neurosen sind wie ein Reserverad am Auto.
Sie sind in gewisser Weise die Lösung eines Problems, allerdings nicht die optimale Lösung. Um in diesem Modell zu bleiben: Das Auto fährt - aber durch den TÜV kommt man so nicht...

Ein Beispiel:
Wenn man Ärger mit der Schwiegermutter hat, ist es eine optimale Lösung, die Probleme auszudiskutieren, oder zumindest klare Standpunkte zu beziehen und die Grenzen abzustecken. Eine weniger optimale - eine suboptimale - Lösung ist es hingegen, Mordgelüste auf alle älteren grauhaarigen Frauen zu entwickeln. Eine solche Reaktion ist neurotisch.

Es ist jedoch nicht immer so einfach, eine psychische Störung als Neurose zu klassifizieren - allein schon, weil es eine ganze Reihe verschiedener Definitionen für Neurosen gibt - je nachdem, aus welchem wissenschaftlichen Lager der Betrachtende kommt.

In unserem Referat berufen wir uns hauptsächlich auf den psychoanalytischen Ansatz.
Zum einen ist ein Autor unseres Textes Psychoanalytiker, und zum anderen ist dieser Ansatz sehr umfassend. Umfassend vor allem deshalb, weil er unbewußte Aspekte wie Phantasien mit berücksichtigt. Der psychoanalytische Ansatz ist jedoch "wissenschaftlich" genug, um mittlerweile die Grundlage für die medizinische Neurosendefinition zu bilden.
Das heißt, daß für die Betrachtung von Neurosen das Vokabular notwendig ist, daß die Psychoanalyse-Gruppe schon vorgestellt hat. Das strukturelle Persönlichkeitsmodell mit der Aufteilung in Ich, Es und Über-Ich, die verschiedenen Abwehrmechanismen usw.



Konflikte

Ganz besonders wichtig ist jedoch der Begriff des Konfliktes, so daß wir diesen etwas genauer definieren wollen. Freud hat Konflikte in drei Gruppen eingeteilt:

1) Äußere Konflikte

Das sind Konflikte zwischen den eigenen Interessen und den Interessen der Umwelt. In ihrer reinen Form kann man von äußeren Konflikten eigentlich nur bei Säuglingen und Kleinkindern sprechen, die noch keine Normen und Regeln verinnerlicht haben.
Diese Konflikte sind prinzipiell nichts Negatives, sie sind in der Entwicklung sogar notwendig. Wenn das Baby etwas will, und die Personen, auf die es angewiesen sind, etwas anderes wollen, muß sich das Baby damit arrangieren. Es lernt so die eigenen Grenzen kennen, "halbwegs sensible Eltern einmal vorausgesetzt". Problematisch, bzw. pathologisch wird es allerdings, wenn diese Grenzen allzu starr oder für das Kind nicht nachvollziehbar sind.

2)Verinnerlichte Konflikte

Hierbei findet der Konflikt im Individuum selbst statt. Der Mensch spürt den Wunsch nach Befriedigung seiner Bedürfnisse ("Triebe"), gleichzeitig hat er aber gesellschaftliche Normen oder Ideale verinnerlicht, die ihm die Erfüllung seiner Wünsche verbieten. Sprich: Nicht mehr die Mutter sagt "Du darfst nicht!", sondern das Gewissen sagt es.
Die Gewissensbildung geht einher mit der Identifizierung des Kindes mit anderen Menschen - nicht nur der Mutter. Sind die Menschen im Umfeld selbst neurotisch gestört, oder ist das Umfeld einfach nur negativ, ist es sehr wahrscheinlich, daß das Kind selbst einmal eine Neurose entwickelt bzw. die Störungen des Umfeldes verinnerlicht.
Verinnerlichte Konflikte sind Konflikte zwischen Es und Über-Ich, bei dem normalerweise das Ich einen tragbaren Kompromiß, eine Synthese, findet. Oftmals liegt bei Neurotikern hier eine Störung vor, beinahe immer ein zu striktes Über-Ich. Eine zufriedenstellende Konfliktlösung durch das Ich ist dann nicht mehr möglich ist.

3) Innere Konflikte / Ambivalenzkonflikte

Diese Konfliktform ist etwas schwerer faßbar. Es widersprechen sich dabei die eigenen Emotionen, man ist von etwas gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Man will etwas tun, tut aber doch nichts. Andere Paare sind: Liebe und Haß, Aktivität und Passivität, Männlichkeit und Weiblichkeit.



Infantile Konflikte

In Neurosendefinitionen wird immer wieder von pathogenen infantilen Konflikten gesprochen. Das sind Konflikte, die während der Entwicklung der Persönlichkeit aufgetreten sind und zu diesem Zeitpunkt nicht gelöst wurden. Dennoch wurden diese Konflikte verinnerlicht, jedoch nicht oder nur unzureichend verarbeitet - man spricht in diesem Zusammenhang auch von Komplexen. Kommt der Betroffene in seinem späteren Leben in eine akute, ähnlich strukturierte Situation, wird der alte Konflikt reaktiviert, oder deutlicher - bricht hervor. Dies äußert sich in neurotischen Symptomen.

In unserem Text gab es nur ein Beispiel, wie die Entstehung eines solchen infantilen Konfliktes aussehen kann:

Eine junge Frau, die an einer Symptomatik litt, die zu den quälendsten gehört, die wir im Bereich der Psychoneurosen kennen, suchte einen Psychotherapeuten auf und berichtet folgendes:
Sie habe Angst, ihre 2jährige Tochter ermorden zu müssen. Sie könne kien Messer anfassen, ohne es bereits an der Kehle des Kindes zu sehen; sie könne die Kleine nicht hochheben, ohne den Impuls zu haben, sie aus dem Fenster zu werfen; sie könne sie nicht anfassen, ohne die Vorstellung zu haben, sie zu erwürgen. Die Patientin litt unter diesen Impulsen sehr. Diagnostisch sprechen wir von Zwangsimpulsen, also einem Teilphänomen bei Zwangsneurosen. Man kann diese Impulse auch bei den Phobien, den Zwangsbefürchtungen einordnen.
In unserem Zusammenhang aber geht es um etwas anderes, und zwar um die Art, wie diese Patientin mit ihrer Tochter umgegangen war. Die Patientin war eine nette, kleinbürgerliche Hausfrau, 23 Jahre alt, damals nicht mehr berufstätig. Voller Stolz erzählte sie, wie ihre ganze Wohnung blitze, alles erstrahle vor Sauberkeit, vom Fußboden könne man direkt essen. Sie sei sehr ordnungs- und sauberkeitsliebend. Das Kind habe sie streng erzogen. "Wissen Sie, ich kann die Fingerabdrücke von den Patschhänden nicht an meinen Möbeln vertragen. Ich habe einen schönen dunklen Wohnzimmerschrank, wissen Sie, so hochglanzpoliert. Ich sage ihnen, den hat die nie angefaßt. Wenn sie nur in die Nähe kam, habe ich in der Küche gebrüllt, dann ist die sofort zurückgezuckt. Die ist eher hingefallen, als daß sie sich am Schrank festgeahlten hätte." In einem Nebensatz erfährt der Arzt später, daß der Ehemann, ein angehöriger der Feuerwehr, sein ganzes Gehalt der Frau abliefert und ein wöchentliches Taschengeld bekommt.

Die Autoren sehen hier für das Kind einen "völlig unlösbaren Konflikt zwischen seinen impulshaften Bedürfnissen und den rigiden kontrollierenden Verhaltensweisen seiner Mutter". Man kann durchaus annehmen, daß das Kind irgendwann einmal eine ausgeprägte Neurose entwickeln wird - so wie die Mutter, die eine ähnliche Erziehung genossen hatte, die Zwangsimpulse entwickelt hat.

Neben Konflikten gibt es noch einen weiteren Grund für Neurosen, nämlich die Störung des Selbstwertgefühls. Der Begriff der Identität bezeichnet "das ungebrochene Gefühl eines Menschen, er selbst zu sein und sein zu dürfen". Ist dieses Gefühl gestört, kann der Mensch ebenfalls neurotisch reagieren - man spricht dann von narzißtischen Neurosen. Das aber nur als Anmerkung.

An dieser Stelle müssen wir einen kurzen, etwas zusammenhangslosen Einschub machen, und die Symptome auflisten, die eine Neurose ausmachen: Es sind im allgemeinen ausgeprägte Angst, hysterische Symptome, Phobien, Zwangssymptome und Depressionen, z.T. äußern sich Neurosen aber auch körperlich.
Neurotiker nehmen auf jeden Fall bewußt die Realität wahr und erkennen auch, daß ihr eigenes Verhalten gestört ist. Die Patienten fühlen sich häufig ihrem eigenen Ich gegenüber entfremdet, die Persönlichkeit bleibt aber in ihren wesentlichen Zügen bestehen. Neurotiker leiden unter ihrer Neurose - meistens stärker als daß die Umwelt unter ihnen leidet. Neurotiker sind keine Psychopathen, es sind viel eher die klassischen Patienten die beim Psychiater auf der Ledercouch liegen - und dabei recht gute Chancen auf Besserung haben.

Hier einmal der Versuch einer eigenen Definition - wobei wir uns auf das Beispiel mit den Koffer der erlernten bzw. angeeigneten Verhaltensweisen berufen, das in dem Referat über die Entwicklungslehre aufkam:
Der Neurotiker läuft im Sommer wie alle anderen Menschen auch in T-Shirt und kurzen Hosen herum. Wird es Winter, zieht sich jeder seinen Wintermantel an - der Neurotiker hat so etwas aber nicht in seinem Koffer. Statt dessen findet er ein großes Badetuch und wickelt sich darin ein. Der Effekt ist der gleiche: Er friert nicht mehr. Der Neurotiker merkt jedoch, daß er anders aussieht als die anderen; er weiß, daß er ein komisches Bild abgibt. Aber was will er machen, er hat einfach nichts Passenderes in seinem Koffer.



Angst und Abwehr

Ein Begriff, den wir bisher außen vorgelassen haben, ist der der Angst - und die ist bei der Betrachtung von Neurosen ungemein wichtig. So wie es Konflikte gibt, die nicht pathologisch sind, also keinen Schaden hinterlassen, gibt es auch eine Realangst (Beispiel: plötzlich steht ein großer böser Hund vor einem und bellt). Diese Angst ist überlebens- wichtig und etwas völlig normales.
Weiterhin gibt es aber auch noch die neurotische Angst, die sich aus einem internalisiertem Konflikt ergibt. Es ist nicht ganz einfach nachzuvollziehen, aber man bezeichnet es auch als Angst, wenn die Psyche des Menschen darauf drängt, die Basis eines aktuell bestehenden Konfliktes zu beseitigen. Im Ich sind dabei die Spannungen zwischen den gegensätzlichen Tendenzen so stark geworden, daß die Situation unterbewußt als Bedrohung empfunden wird.

Hier ein Beispiel, um das Ganze etwas greifbarer zu machen:
Wenn ein zweijähriges Kind von seiner Mutter getrennt wird, bekommt es Angst. In diesem Fall kann man von Realangst sprechen, das Verlassensein ist für Zweijährige eine existentiell bedrohliche Situation.
Wird jedoch ein junger Erwachsener von seiner Freundin verlassen, sollte dieser keine panischen Verlassenheitsängste durchleiden. Daß er emotional reagiert, ist verständlich, aber Verlassenheitsängste sind eine neurotische Reaktion. Seine Existenz ist durch die Trennung nicht gefährdet, es muß also unbewußte Gründe geben, daß er diese Situation als Bedrohung empfindet.
Man kann davon ausgehen, daß er diese Ängste in seiner frühen Kindheit verinnerlicht hat. Möglicherweise aufgrund einer Trennung von der Mutter (Tod, Krankenhausaufenthalt), oder er hatte "Rabeneltern", die ihn vernachlässigten.
Aus einer Realangst in der Kindheit ist die neurotische Angst eines Erwachsenen geworden, die im Beispiel durch das Scheitern der Beziehung aktiviert und verstärkt werden (Regression).
Eine neurotische Angst allein ist jedoch noch keine Neurose. Solche Ängste können aber zu einer Neurose führen, und zwar dann, wenn sich der Betroffene seine Ängste nicht bewußt machen kann, oder ihnen nicht aktiv entgegenwirkt, indem er den Auslöser der Angst zu beseitigt.
Angst ist kein angenehmes Gefühl, und man muß sich "zusammennehmen", um aktiv gegen seine Ängste vorzugehen. Angst löst Unlust aus - und Neurotiker empfinden diese Unlust extrem verstärkt. Das Unterbewußtsein eines Neurotikers versucht also um jeden Preis, diese Unlust zu vermeiden.
Dieses Vermeiden von Unlust bezeichnet man als Abwehr - die einzelnen Methoden der Abwehr hat die Psychoanalysegruppe schon zusammengestellt (Vermeidung, Verdrängung, Intellektualisierung...). Diese Mechanismen sind der Versuch, die angstauslösenden Faktoren unterbewußt zu machen oder zu halten. Auch das Einsetzen von Abwehrmechanismen ist prinzipiell noch nichts neurotisches - zum Beispiel ist auch Humor ein Abwehrmechanismus (Galgenhumor). Neurotisch wird es erst, wenn Ängste nur noch durch solche Abwehrmechanismen in Schach gehalten werden und nicht gegen die eigentlichen Auslöser vorgegangen wird. Neurotisch ist es auch, wenn Menschen sich der Ängste nicht bewußt werden können, gegen die sie unbewußt mit Abwehrreaktionen vorgehen.

Man kann die Symptome einer Neurose also immer als unangebrachte oder übermäßige Abwehrreaktionen betrachten. Prinzipiell kann jede Unlust mit jedem Abwehrmechanismus begegnet werden. Um in der Eingangsdefinition zu bleiben - die Abwehrmechanismen sind die suboptimalen Lösungsversuche des Unterbewußtseins. Empfunden werden sie von den Patienten jedoch nicht als suboptimal - für sie sind sie subjektiv die optimale Lösung. Deswegen wiederholen Neurotiker ihre neurotischen Handlungen auch immer wieder, selbst wenn sie sich objektiv betrachtet damit schaden.



Symptombildung

Die Namengebung bzw. Kategorisierung von Neurosen richtet sich nach den Symptomen, und diese wiederum ergeben sich aus den bevorzugten Abwehrmechanismen.
Welche Abwehrmechanismen bevorzugt werden, ist individuell unterschiedlich. Auf die gleiche äußere Konstellation können Neurotiker mit unterschiedlichen Symptomen reagieren. Bei der Symptom"wahl" scheinen interessanterweise genetische Aspekte eine Rolle zu spielen. Es werden dabei weniger die Wahrscheinlichkeiten für Neurosen vererbt, sondern Anlagen für bestimmte Symptome. Das gilt besonders für Zwangsneurosen und Phobien.

Ein grundlegende Form der Abwehr ist die Verdrängung. Man kann sowohl Triebimpulse verdrängen als auch Ansprüche des Über-Ichs verleugnen. Im zweiten Fall entwickeln sich unbewußte Schuldgefühle. Ein übermäßiges Verdrängen ist eine hysterische Reaktion.
(Beispiel Hysterie)

Menschen, die auf ihre Ängste bevorzugt mit der Intellektualisierung oder der rationellen Isolierung des Problems reagieren, entwickeln verstärkt Zwangsneurosen. Das ist etwas schwieriger nachzuvollziehen, als z.B. Phobien. Die betreffen vor allem Menschen, die ihre Probleme vermeiden.
(Beispiel Phobie - Angst vor Spinnen oder Angst in engen Räumen als Abwehr von noch quälenderen Ängsten - z.B. Verlassenwerden)

Abwehr                          Psychodynamik           




Verdrängung                     hysterisch                       

Verleugnung                                                      




Verschiebung                    phobisch                         

Vermeidung                                                       




Wendung gegen das Selbst        depressiv                        

Identifizierung mit dem                                          

Aggressor                                                        




Reaktionsbildung                zwangsneurotisch                 

Intellektualisierung                                             

Rationalisierung                                                 

Isolierung                                                       

Ungeschehenmachen                                                




Projektion                      paranoid                         




Soziale Isolierung              schizoid                         

Affektverdrängung                                                




Spaltung                        Borderline-Syndrom               








Psychoneurosen, Charakterneurosen, Neurosen mit körperlicher Symptomatik

Um das Thema noch etwas komplizierter zu machen, kann man Neurosen in drei Gruppen einteilen:
In Neurosen mit körperlicher Symptomatik, in Charakterneurosen und in Neurosen mit psychischer Symptomatik. Dabei sind letztere, die Psychoneurosen, wenn man so will, die klassischen Neurosen - und die Neuroseform, auf die wir bisher eingegangen sind.

Die Charakterneurosen kann man, denken wir, mit einigen Sätzen abhandeln. Sie äußern sich nicht in einem speziellen Symptom oder werden auch nicht bei einem spezifischen Konflikt aktiviert. Die Neurose liegt im Kern, in der Persönlichkeit des Menschen. Anders als Patienten mit Psychoneurosen erkennen diese Menschen ihr Verhalten auch nicht ohne weiteres als gestört an oder leiden speziell darunter. Sie leiden jedoch darunter, daß ihr Verhalten sehr häufig in der Verkümmerung von zwischenmenschlichen Beziehungen und damit in Isolation endet. Die Konflikte bzw. Ursachen für eine Charakterneurose liegen sehr früh in der Entwicklung eines Menschen, sind also sehr tief und diffus im Unterbewußtsein verankert. Eine häufige Charakterneurose ist z.B. die hysterische Persönlichkeit oder der Zwangscharakter, aber auch die schon erwähnten narzißtischen Neurosen fallen in diese Kategorie. Beispiele dafür haben wir leider nicht gefunden.

Von den Charakterneurosen gibt es einen fließenden Übergang zu schwerwiegenderen psychologischen Störungen, wie z.B. den Psychopathien und Perversionen. Die Grenze wird zumeist dann gezogen, wenn die Patienten ihre Umwelt verändert wahrnehmen, also in ihrer eigenen Realität leben.

Ebenfalls kurz halten möchten wir Neurosen mit körperlicher Symptomatik - vor allem, weil noch zwei Veranstaltungen zum Thema Psychosomatik anstehen. Außerdem ist in diesem Bereich nicht ganz klar, was nun Neurose ist und was nicht. Einige Autoren zählen Psychosomatosen, funktionelle Symptome und Konversionsneurosen zu den neurotischen Störungen, andere nur letzteres - da aber ist es eindeutig.
Patienten mit einer Konversionsneurose leiden an einem Konflikt, der eigentlich zu einer Psychoneurose führen müßte. Die Neurose äußert sich aber nicht mit einem psychologischem Symptom, sondern wird in den körperlichen Bereich konvertiert. Dort reichen die Symptome von der Verspannung bis zur Lähmung, aber auch die Sinne sind häufig betroffen.
Die Auslöser für solche Symptome sind zumeist emotional belastende Veränderungen der Lebenssituation, in der die bisherige "Triebabwehr" des Patienten versagt. Einfacher, aber unzutreffender ausgedrückt - die Menschen sind überfordert. Solche Situationen sind z.B. Berufsbeginn, erhöhte berufliche Verantwortung, Partnerschaft, Heirat, Schwangerschaft, Elternschaft usw.

Spontan ist uns ein extremeres Beispiel eingefallen, nämlich Soldaten im ersten Weltkrieg oder im Koreakrieg, die nach ihrem Einsatz unter Lähmungen litten, obwohl sie nicht verwundet worden sind. Es hat wohl jeder schon Filmszenen gesehen, in denen Panzer Schützengraben überrollen, und ein Soldat zusehen muß, wie seine Kameraden, die neben ihm liegen, unter die Ketten kommen. Er selbst bleibt unverletzt, ist aber gelähmt - als Reaktion darauf, daß er nicht geholfen hat, niemanden zur Seite gezogen hat. Es ist quasi eine Rechtfertigung vor dem eigenen Gewissen: Er war im entscheidenden Moment gelähmt - und ist es noch immer.

Hier liegt ein Konflikt zwischen dem vor, was man von sich selbst erwartet, und was man tatsächlich getan hat. Dennoch bezeichnet man dies nicht unbedingt als Neurose, sondern als Konfliktreaktion bzw. abnorme Erlebnisreaktion.
Nach Definition beruhen sie auf einer nachvollziehbaren Überforderung des Patienten in einer umschriebenen Situation, d.h., es braucht keine infantilen Konflikte, um in einer solchen Situation "irrational" zu handeln oder psychologischen Schaden zu nehmen.
In diese den Neurosen sehr nahe stehende Kategorie gehört außerdem die reaktive Depression bei Verlusten, Verfolgungssyndrome (z.B. nach KZ Haft) und pathologische Trauer. (Jemand verstirbt, zu dem man ein ambivalentes Verhältnis hatte - und es bleiben unbewußte Schuldgefühle. Das ist unter Umständen schwerer zu verwinden als der Verlust eines geliebten Menschen.)
Außerdem gibt es das posttraumatische Streßsyndrom, nach Katastrophen, Kriegen, Vergewaltigungen und Ähnlichem. Zurück bleiben immer Ängste, Depressionen und Anpassungsschwierigkeiten im Alltag.

Eine letzte Anmerkung zu den somatischen Aspekten: Es ist auch möglich, daß die Krankheit eines Patienten Teil eines Konfliktes ist, der dann zu einem neurotischen Symptom führt. Die Menschen verkraften dann nicht die plötzliche Abhängigkeit, das Ausgeliefertsein, die Passivität der Situation. Vielleicht weil sie in Ihrer Entwicklung zu oft den unberechenbaren Launen ihrer Bezugsperson ausgeliefert waren.


Psychosomatosen Vor allem organische Ursachen, Folgezustände anhaltender vegetativer Spannung, worauf Betroffene mit "Flucht" oder Aggression reagieren.

Funktionelle Syndrome Symptome wie Erröten und sexuelle Störungen.





Erklärungsmodelle

Der Vollständigkeit halber muß erwähnt werden, daß das Neurosenmodell, an dem wir uns hier orientiert haben, Konfliktmodell genannt wird.

Daneben existiert noch das Defizitmodell, bei dem die sogenannten frühen Störungen, die zu Kriminalität, Dissozialität, Soziopathie, Süchten und Perversionen führen können, besonders betont werden.
Die Patienten haben dabei Defizite in einer Instanz ihrer Persönlichkeit. Ist ihr Ich zu schwach, richten die Menschen ihr Leben vor allem auf direkte Triebbefriedigung aus; haben sie eine Schwäche im Über-Ich, orientieren sie ihr Verhalten sehr stark an Gesetzen und gesellschaftlichen Normen ("moral insanity"). Eine neurotische Verhalten ist bei diesen Patienten der Versuch eines Ausgleichs der gestörten Persönlichkeitsstruktur, bzw. eine direkte Folge der Störung selbst.

Das dritte Modell ist das sogenannte Lernmodell, das "die genetische Bedeutung von Konditionierungen in der Folge verfehlter, zu starker oder zu schwacher Lernvorgänge" betont. Kurz gesagt - Neurosen kann man lernen.
Ein deutliches Beispiel ist folgendes:
Ein kleiner Junge spielt mit einem Hasen - plötzlich wird er (der Junge) durch das Schlagen eines lauten Gongs erschreckt. Dieser Gongschlag wird jedesmal wiederholt, wenn sich der Junge mit dem Hasen beschäftigt. Folge dieser Konditionierung ist, daß der Junge eine Neurose gegen alles Flauschige entwickelt.
In diesem Beispiel ist das Konfliktmodell schlüssig - das beschrieben Prinzip funktioniert jedoch auch mit Mäusen...
Unzureichend ist das Lernmodell vor allem bei unterbewußten Aspekten.



Süchte

Einige Süchte können neurotisches Verhalten widerspiegeln - ein ganz deutliches Beispiel sind Alkoholiker, die Ihre Säuferkarriere als Problemtrinker begonnen haben. Alkohol ist eine effektive Möglichkeit, Probleme zu verdrängen. Mit zunehmendem Alkoholpegel wird das Problem immer kleiner und das eigene Ego immer größer.
Und wenn dieser Effekt nicht eintreten sollte, hat der Trinker schließlich immer noch die Ausrede, im Moment (mit 2 Promille) wirklich nicht in der Lage zu sein, etwas gegen sein Problem unternehmen zu können.
Um in der Definition zu bleiben sind Süchte damit eine hysterische bzw. phobische Reaktion auf Probleme - je nachdem ob der Betroffene seine Probleme verleugnet oder ihnen ausweichen will.
Der Trinker ändert mit dem Alkohol seine Wahrnehmung der Realität und bringt sich auf chemischen Wege -ohne dies jedoch als erklärtes Ziel zu haben- in eine frühkindliche Phase zurück, in der alles einfacher war. Er lallt und irgendwann bleibt ihm nur noch das Krabbeln auf allen Vieren.

Rauchen dient weniger dem Ausweichen oder Verleugnen von Problemen, es soll jedoch häufig bei der Bewältigung von Unsicherheit und Angst helfen. Dies zeigt sich am gesteigerten Zigarettenkonsum in streßreichen Phasen. Rauchen ist jedoch auch keine Lösung des Konflikts - es ist eine suboptimale Lösung - und kann deswegen auch als neurotisch betrachtet werden.

Selbstverständlich muß man rein körperliche Abhängigkeit anders betrachten, aber die Auslöser der Sucht, die Anfänge, können häufig neurotisch sein.


Quelle:
Prof. Dr. S.O. Hoffmann, Dr. G. Hochapfel
Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin - CompactLehrbuch
Schattauer - 5. Auflage


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